Karwoche: Dunkelheit und Licht

Zu den Kar- und Ostertagen gehört beides: die Dunkelheit des Grabes am Karfreitag ebenso wie das Licht der Kerze in der Osternacht. Auch an anderen entscheidenden Orten im christlichen Glauben findet man das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit. Die Erschaffung der Welt beginnt mit der Trennung von Licht und Dunkelheit – das Erste, was in der Bibel erzählt wird. Und zu Beginn des Kirchenjahres hören wir aus dem Buch Jesaja: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“

Die Erfahrung von Dunkelheit und Licht ist elementar für den Menschen. Es ist kein Wunder, dass diese Erfahrung in die Religion eingegangen ist, nicht nur in die christliche. Es ist ein Blick, der nicht nur die Sonnenseite wahrnimmt, sondern auch die Schattenseiten. Zu jedem menschlichen Leben gehören Licht- und Schattenseiten. Auch die Geschichte der ganzen Welt ist ein ständiger Wechsel von Licht und Schatten. Wer sich in diesen Tagen eine Nachrichtensendung ansieht, wird vor allem den Schatten wahrnehmen. Aber weil Gottes Gegenwart selbst im schwärzesten Schatten des Grabes zu finden ist, darf man als Christ annehmen, dass unsere Welt niemals gottverlassen ist.

Erfahrungen von Dunkelheit und Schatten haben nicht gerade Hochkonjunktur. In unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft ist ständiger Optimismus gefragt, ein ständiges Streben nach Verbesserung, nach dem ganz persönlichen Glück. Nur der glückliche Mensch hat ein gutes Ansehen, nur er hat alles richtig gemacht. Das Ganze hat natürlich eine Kehrseite: Wer unglücklich ist, wer nicht auf der Sonnenseite stehen kann, gilt schnell als gescheitert und als Verlierer. Er ist vielleicht sogar selbst daran schuld, weil er sich nicht genug angestrengt hat.

Die Botschaft der Kar- und Ostertage, auf die wir nun zugehen, blickt anders auf die Welt: Sie blickt auf die Welt im Wissen darum, dass Schattenseiten unvermeidlich sind im menschlichen Leben. Schattenseiten dürfen sein, sogar die Finsternis, in der man nichts mehr erkennen kann. Wenn auch sonst niemand mehr da ist: Gott ist immer noch da.

Claudia Nieser